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André Jaeger Biografie      Jana Zwesper Dekorationen
Die Geschichte von André Jaeger

Reisen und weltweite Kommunikation haben nicht nur das gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Leben verändert, sondern auch die Küche und den Speisezettel. Einer, der während einer fernöstlichen Wanderschaft die sich anbahnenden Veränderungen und damit die Zeichen der Zeit früher als andere erkannte und sich von der asiatischen Kultur inspirieren liess, ist der Schweizer Spitzenkoch André Jaeger des Rheinhotels «Die Fischerzunft» in Schaffhausen. Er verband den Osten mit dem Westen und schuf die «Cuisine du Bonheur», die Küche zur Glückseligkeit.

André Jaeger ist ein Freigeist der Gastronomie, ein Philosoph, gar ein Virtuose der kreativen Kochkunst. Von ihm stammen die Worte: «Gleich Yin und Yang steht die Einheit und Harmonie als kulinarische Meditation im Vordergrund.
Die Natur soll den Geist beflügeln, den Gast in einer glückseligen Balance halten.»

Der englische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1907, Rudyard Kipling (1865-1936), irrte sich - mindestens was die Gastronomie angeht - als er sagte: «Ost ist Ost und West ist West, nie werden sich die beiden treffen.» Durch die globale Kommunikation, das Reisen, die Begegnung von Menschen unterschiedlichster Hautfarben, Kulturen und Religionen haben die Küchen der Länder ihr Stammland verlassen und eine Reise um die Welt angetreten. In der letzten Eiszeit war das noch anders. Mangels grösserer Reisemöglichkeiten mussten sich die Höhlenbewohner im appenzellischen Wildkirchli noch an die eigene Kost, die zähen Steaks des Höhlenbärs halten. Aber schon mit der Reisläuferei im 15. Jahrhundert kam Bewegung in die Gastronomie. Die rauflustigen Schweizer Soldaten in Kriegsdiensten ferner Länder brachten aus Frankreich, Italien oder Spanien nicht nur fremde, glutäugige Bräute mit, sondern bereicherten die Trinkgelage zu Hause auch mit neuen Weinen und Sultaninen, die unter mediterraner Sonne gereift waren. Einen grossen Schub bekam die weltweite Gastronomie vom 15. bis 17. Jahrhundert mit den grossen Entdeckungsreisen. Da lagen auf europäischen Tischen plötzlich neuartige exotische Gewürze mit betörenden Düften, Kaffee, Tee, Kokosnüsse und Zimt. Die ganz Mutigen unter den Heimkehrern passten gar die Zubereitung der Gerichte dem an, was sie bei fremden Völkern gesehen, gegessen und gelernt hatten.

André Jaeger, intellektuellster und tiefsinnigster Schweizer Koch ist ein zwar stiller, aber akkurater Beobachter der Umwelt, die für ihn nicht in Feuerthalen aufhört, sondern den Erdball umrundet. Er sieht, analysiert und versteht die grossen Zusammenhänge des sozialen und ökonomischen Lebens und bringt sie in seine Kochkunst ein. Seine Aussenseiterrolle führt ihn nicht etwa in ein gastronomisches Emeritendasein, ganz im Gegenteil, sie bringt ihm den Vorteil, Freiheiten nachzugehen, die ihn auf keine bestimmte Themenküche beschneiden. Er konnte sich - und kann sich immer noch - unbehelligt entfalten. André Jaeger kann sich dem Lustbetonten hingeben und seiner Küche Gelassenheit verleihen. Seit den späten Siebzigerjahren bereichert er mit Raffinesse die europäische Esskultur mit asiatischen Elementen. Zu Beginn mutete dies skurril, fast surrealistisch und fremd an. Branchenkollegen, die André Jaegers neue Wege nur oberflächlich und geringschätzig betrachteten, taten ihn als Spinner ab, merkten indessen nicht, dass sich da still und leise eine überaus erfolgreiche avantgardistische Küche entwickelte.

Die Kalorienstrafe weicht der Beschwingtheit
Ein Avantgardist wie André Jaeger ist ein stetig Suchender. Folgerichtig geht die Entwicklung in der Küche des Restaurants «Die Fischerzunft» weiter, öffnen sich laufend neue Dimensionen. André Jaegers innovative Gedanken auf der Suche nach neuen kreativen Ideen, Wegen und Formen kreisen um eine Küche in Richtung Purismus. Manchem mag dies etwas abstrakt erscheinen, doch Jaeger hat davon konkrete Vorstellungen: «Bei der neuen Entwicklung steht das auserlesene Produkt im Vordergrund, das ich zu einem Gericht aufleben lassen will. Dabei treiben wir bei der Präsentation wohl einen grossen Aufwand, ohne ihn aber in Effekthascherei ausarten zu lassen. Wir wollen Spannung aufbauen, die Gäste aus der Reserve locken und damit die Freude auf den bevorstehenden Genuss erhöhen.» André Jaeger verabscheut nichts so sehr wie schlechten Umgang mit Produkten zugunsten von Angeberei in der Präsentation: «Stil und Qualität zeichnen sich nicht durch Kompliziertheit aus.»

Schon vor der jüngsten Jahrhundertwende warnte André Jaeger vor allzu übertriebenen Hoffnungen, die Gastronomie und andere Lebensbereiche würden sich im neuen Millennium schlagartig verändern: «Die sich abzeichnenden Veränderungen werden dosiert, aber unnachgiebig in unser Leben eingreifen und uns zu Anpassungen, zu inneren und äusseren Veränderungen drängen.» Das gelte auch für die Gastronomie in der Schweiz, meint der Spitzenkoch aus Schaffhausen: «Schweizerisches Essen ist zwar gut, aber nach dem Genuss ist man auch immer recht voll. Es gleicht fast einer Kalorienstrafe, die einen nach dem Essen förmlich zum Ausruhen zwingt.» Dies ist einer der Gründe, weshalb Jaeger eine Gastronomie mit aufbauendem Effekt zu pflegen begann. Die Gerichte sollen beflügeln, Körper und Seele beschwingen und geistig beweglich machen. Er setzt einem Kotelett mit Spätzli, Rahmsauce und Brot ein leichtes Gericht entgegen, das seinen Intentionen entspricht, etwa einen Fisch mit etwas Gemüse an Soyasauce und Olivenöl. Seine Philosophie des Yin und Yang, die Harmonie der Gegensätze, kommt immer wieder zum Tragen. Auf seine Gerichte übertragen heisst das, Fettverbrennendes gegen Fetthaltiges, Weiches gegen Hartes, Süsses gegen Saures usw. Unschwer zu erraten, dass darin immer auch ein Akt der Spannung liegt.

Gastronomie mit Stil ist auch Liebe und Würde für Mensch und Tier
Küchenchef Jaeger prophezeit in Bezug auf die Zukunft der Beschaffung von guten Produkten Probleme. Er glaubt, dass Fisch, Fleisch und Geflügel von wild und frei lebenden Tieren zur Mangelware werden. In diesem Zusammenhang verweist er auf die BSE-Problematik, die aus Profit- und Habgier entstanden sei. Aus diesem Grund bezieht er das Fleisch von Bauern, die ihre Tiere auf der Wiese weiden und sie erst schlachten lassen, wenn sie doppelt so alt sind wie ihre Artgenossen in den Tierfabriken. Er nimmt auch keinen «Loup de mer», dem in Gefangenschaft das Rückgrat gebrochen wurde, damit er sich nicht mehr bewegen und sich am Drahtverhau nicht etwa verletzen kann, aber als «Paraplegiker der Fische» unter grossen Schmerzen bis zu seinem Tod ausharren muss. Auch kommen keine gefarmten Lachse oder Steinbutte in Jaegers Küche.

Das Publikum, das gutes Essen liebt, ist vielschichtiger, breiter geworden. Nicht alle Leute kommen in ein Gourmet-Lokal, nur um gesehen zu werden und zu zeigen, dass sie «es sich leisten können». Viele suchen das Erlebnis, möchten die Welt mit Gerichten aus anderen Kulturen schmecken und erleben. André Jaeger vermittelt das kulinarische Erlebnis nicht mit Laserkanonen und Dezibel, die im Lokal nach Sonnenbrille und Gehörschutz rufen. Im Gegenteil, in seinem lokal herrscht eine mit Spannung und eben «Glückseligkeit» angereicherte Ruhe. Deshalb wird denn sein Lokal auch von AHV-Bezügern und «Normalbürgern» - dieser Ausdruck soll in diesem Zusammenhang für einmal gestattet sein - sowie von jungen Leuten mit kleinem Budget besucht, auch wenn die Gerichte ihren Preis haben. Der stille Beobachter stellt in der «Fischerzunft» fest, dass André Jaeger und seine Partnerin Jana Zwesper, ältere und weniger bemittelte Bürgerinnen und Bürger mit liebevoller Umsicht empfangen und betreuen, weil ihnen erstens jeglicher Snobismus abhold ist, und weil sie wissen, dass für diese Leute ein Besuch in ihrem Restaurant mit hohen Ausgaben verbunden ist. Dafür vermitteln sie ihnen ein kulinarisches und kulturelles Erlebnis erster Güte.

Ingrid Bergmann, Hauptdarstellerin im Film «Die Herberge zur 6. Glückseligkeit», hätte sich kaum träumen lassen, dass sie mit ihrem Film, der 1958 gedreht wurde, vom chinesischen Hochland in den Niederungen am Rhein bei Schaffhausen noch einmal zu neuen Ehren kommt. Die asiatische Glückseligkeit der vielfältigen Variationen des Taoismus führten André Jaeger auf die Wege der «Cuisine du Bonheur». Es ist eine Glückseligkeit der Seele, die uns in der westlichen, materialistisch orientierten Welt abhanden gekommen ist und derer wir so sehr bedürfen.

André Jaeger
André Jaeger wurde am 12. Februar 1947 als Sohn eines Wirteehepaars in Rümikon, im Kanton Aargau geboren. Mit zehn Jahren wusste er bereits, dass er Koch werden wollte und später einmal ein eigenes Restaurant haben möchte. Die dreijährige Lehrzeit als Koch durchlief er im Hotel Beau Rivage-Palace in Lausanne. Das Praktikum im Service führte ihn ins Dorchester Hotel in London und in die Administration/Reception des Hotels Eden au Lac in Lugano-Paradiso. Nach erfolgreichem Lehrabschluss besuchte er die Hotelfachschule in Lausanne. In der Armee bekleidete er den Rang eines Oberleutnants.

1971 engagierte das Peninsula Hotel in Hongkong André Jaeger als Food & Beverage Manager.

Die Jahre in Asien prägten seine spätere berufliche Laufbahn auf nachhaltige Weise. Im Jahre 1981 konnte er von seinem Vater die «Die Fischerzunft» in Schaffhausen kaufen. Damit begann Jaegers grosse Zeit des Wandels, der Erneuerung von Hotel und Restaurant und die engagierte Suche nach einem eigenen Kochstil. Seit 1995 hält André Jaeger 19/20 Gault-Millau-Punkte.